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Etwas weniger eingesperrt


Etwas weniger eingesperrt

Was beinhaltet das Urteil zum Thema Kastenstand?

Tierschützer sind enttäuscht, Landwirte unzufrieden, Robert Habeck spricht von einem „Systemwechsel“ – irgendwas passt hier nicht zusammen. Ende vergangener Woche entschied der Bundesrat zum Thema Kastenstand. Und somit zur tierrechtswidrigen Haltungsform für Zuchtsauen während der Besamung und des Abferkelns. Das Ergebnis: Der Kastenstand wird im Deckbereich abgeschafft, jedoch nicht im Abferkelbereich; hier wird er lediglich verkürzt. Die Übergangszeit für die Umstellung beträgt bis zu 15 Jahre. Wie ist der Beschluss einzuordnen?




Dass die Albert Schweitzer Stiftung von einem faulen Kompromiss spricht, lässt sich leicht erklären:

Aus Tierschutzsicht ist das Ergebnis unzureichend. So sieht der Beschluss zwar die Abschaffung des Kastenstandes im Deckzentrum vor, nicht aber für die Zeit nach der Geburt der Ferkel. Demnach dürfen die Sauen im Deckzentrum nicht mehr im Kastenstand gehalten, sondern nur noch zur künstlichen Besamung fixiert werden. Im Abferkelbereich bleibt der Kastenstand hingegen bestehen, die Nutzung wird allerdings auf fünf Tage verkürzt. Zudem sollen die Boxen mindestens 6,5 qm groß sein. Kritisch werden an dieser Stelle auch die eingeräumten Übergangszeiten betrachtet: Für die Umstellung der Deckzentren gelten acht bis zehn Jahre, für den Abferkelbereich sogar bis zu 15 Jahre.

Der Hintergrund: Warum Kastenstand?




​Der Kastenstand ist seit Jahren ein elementarer Bestandteil der industriellen Schweinezucht – und dabei höchst umstritten.

Die Zuchtsauen werden während der Trächtigkeit (Deckbereich) und Säugezeit (Abferkelbereich) in körperengen Metallkäfigen gehalten. Begründet wird die Praxis u. a. damit, dem Verlust von Föten sowie der Gefahr, dass das Muttertier die neugeborenen Ferkel erdrückt, entgegenzuwirken. Kritiker erkennen jedoch andere Ursachen für die genannten Risiken, wie z. B. die höhere Krankheits- und Stressanfälligkeit der Tiere – eben bedingt durch die Haltungsform. Abgesehen davon steht der wirtschaftliche Profit (mehr Sauen auf einer Fläche, geringere Ausgaben) augenscheinlich im Vordergrund.

Die Sauen verbringen etwa die Hälfte ihres Lebens in den Kastenständen. Dabei befinden sie sich in einem ununterbrochenen Kreislauf aus künstlicher Besamung, Trächtigkeit, Geburt und Säugezeit. Bereits mit sieben Monaten werden sie das erste Mal besamt. Mithilfe einer Hormonspritze wird die Rausche (Phase der Empfänglichkeit) herbeigeführt. Nach der künstlichen Besamung verbringen die Sauen rund vier Wochen im Kastenstand. Das Argument: So bleibt die Trächtigkeit erhalten, Verluste der Föten etwa durch Kämpfe mit Artgenossen werden verringert. Eine Woche vor dem Geburtstermin werden die Sauen in den Abferkelstall gebracht, wo sie wiederum für etwa fünf Wochen bleiben. Hierbei verweilen sie in einem engen Metallkäfig, in Seitenlage, meist ohne die Möglichkeit, ihre Gliedmaßen auszustrecken. Zudem sind sie durch Gitter von ihren Ferkeln getrennt; lediglich das Säugen ist möglich. Im Anschluss daran geht es für das Muttertier wieder ins Deckzentrum. Nur während der fortgeschrittenen Trächtigkeit wird es für einige Wochen in der Gruppe gehalten.  

Besonders brisant: Bereits 2015 urteilte das Bundesverwaltungsgericht, dass Kastenstände in Deckzentren zu eng sind und somit gegen die Haltungsverordnung verstoßen. Demnach müssten die Schweine in Seitenlage zumindest ihre Gliedmaßen ungehindert ausstrecken können. Dass das aktuelle Vorgehen dementsprechend illegal ist, macht die gesamte Debatte umso heikler.

Lasst die Sau raus!




Bereits im Vorfeld hatten sich Tierrechtsorganisationen in der Sache gegen einen Kompromiss ausgesprochen und immer wieder für eine echte Kehrtwende plädiert. Die grundsätzliche Beibehaltung der engen Metallkäfige sowie das Urteil hinsichtlich der Bewegungsmöglichkeit der Tiere stoßen folglich mehr als negativ auf. Die Albert Schweitzer Stiftung beschreibt die Vorschrift zum Ausstrecken in Seitenlage als „verwässert“: Demnach dürfen Tiere nicht an „bauliche Hindernisse“ stoßen; die Nachbarsau wird allerdings nicht als bewegungseinschränkend anerkannt. Durch den aktuellen Beschluss würden die illegalen Zustände folglich nicht aufgehoben, sondern sogar legalisiert:

„Das ist an Scheinheiligkeit nicht mehr zu überbieten … Sauen werden weiterhin einen beträchtlichen Teil ihres Lebens in Käfigen verbringen – man muss sich schon sehr verbiegen, um darin einen Wendepunkt für die Tiere zu sehen.“
Mahi Klosterhalfen, Präsident der Albert Schweitzer Stiftung

 

Kein Ende in Sicht?




Der Beschluss sieht ein Paket von 300 Millionen Euro vor, um Tierhalter bei der Umstellung zu unterstützen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium schätzt die notwendigen Investitionen jedoch auf etwa 1,1 Milliarden Euro. Landwirte kritisieren, dass durch das geforderte Mehr an Platz für die Schweine weniger Einnahmen erwirtschaftet würden. Folglich bestünde das Risiko, dass vermehrt Schweine aus dem Ausland importiert werden.  

Dem gegenüber stehen jedoch nicht nur Tierschützer, sondern laut aktuellen Umfragen auch die öffentliche Meinung: So gibt der Tierschutzverein VIER PFOTEN an, dass 88 % der Befragten die Kastenstandhaltung für Tierquälerei halten, 80 % sehen die Verantwortung für mehr Tierschutz aufseiten der Politik.

Nachhaltige Lösungen finden




Wie auch bei ähnlichen Themen führt die Debatte um Kastenstände zu einer grundsätzlichen Problematik: Massentierhaltung.

In diesem Rahmen ist der Kastenstand ein perfides System, das den wirtschaftlichen Ertrag über das leibliche Wohl der Tiere stellt.

Die industrielle Verarbeitung von Tieren ist über die Jahre zu einem Sausystem geworden. Der Leitgedanke: Effizienz schlägt Tierschutz. Um dies zu ändern, reichen keine faulen Kompromisse mit Schlupflöchern. Vielmehr müssen Strukturen durchbrochen werden: Abschaffung der Massentierhaltung, Förderung kleinerer Betriebe, Stopp von Tier- und Fleischimporten aus Ländern mit noch schlechteren Haltungsbedingungen, Erhöhung der Fleischpreise und so weiter und so fort. Doch wie immer an dieser Stelle scheint ein Kompromiss das höchste der Gefühle zu sein; die Argumente ähneln sich. Man ärgert sich über die Parteien, die zu wenig tun, über die, die gar nichts tun. Zu viele Interessen spielen eine Rolle, das Credo „Es geht eben nicht alles immer so einfach“ zieht sich wie ein unsichtbarer Faden durch die Debatte, die wirtschaftlichen Aspekte überwiegen. Und so scheint es, dass die Diskussion auch innerhalb der Politik eine unendliche ist – und man sich scheut, einen ernsthaften Schritt zu gehen. Tierschutz bleibt Kür statt Pflicht. Zum Leidwesen derer, die nicht für sich sprechen können.

 

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